Aus einem Abend bei Freunden und einem Kuss wurde schneller als ich schauen konnte eine Beziehung. Ich war damals knapp 15 Jahre alt, mein damaliger Freund 21. 

(*Um den Text flüssiger schreiben zu können werde ich ihn im weiteren Verlauf Dennis nennen, dies ist aber nicht sein richtiger Name)

Wir kannten uns schon länger, wir waren im selben Verein und hatten innerhalb des Vereins unseren Freundeskreis. Der Altersunterschied war nie ein Thema, außer meiner besten Freundin waren alle meine Freunde einige Jahre älter. 

 

Ein paar Tage nach diesem ersten Kuss habe ich mich das erste Mal alleine mit ihm getroffen, für mich war dies aber zu dem Zeitpunkt noch nichts verbindliches. Am Wochenende darauf war Sommerfest des Vereins und kaum dass ich dort ankam, wurde ich von zwei Vereinsmitgliedern mit den Worten „so so, du und Dennis seid nun also ein Paar“ begrüsst. 

Da stand ich nun also, völlig überrumpelt und stammelte ein „ja“. Die Freude war bei allen anderen groß, ich selber wusste aber nicht, was ich davon halten sollte. Mit dem Selbstbewusstsein von heute würde ich wohl ganz anders reagieren, damals war ich aber mitten in der Pubertät, musste mich doch erst mal selber finden und auffallen wollte ich auch nicht.

So war ich dann also ab dem Tag in einer festen Beziehung. 

Ab dem Tag änderte sich einiges. Wo meine beste Freundin und ich davor noch gehofft hatten dass wir am Wochenende mitgenommen wurden zu Partys, war dies nun selbstverständlich. Ich war schliesslich die Freundin von Dennis, also war es keine Frage, dass man mich mit einplante und meine beste Freundin gehörte auch automatisch dazu. Alle anderen der Clique waren Jungs über 18, hatten ihren Führerschein und ein Auto. Die Welt stand uns also offen ;) 

(Ich sollte hier vielleicht bemerken, dass ich in einem Dorf aufgewachsen bin, die „Welt“ waren für uns damals also Partys und Konzerte in der Umgebung, zu denen wir nun problemlos kamen. Wir mussten nicht mehr unsere Eltern fragen, ob sie uns fahren könnten, sondern hatten immer die Möglichkeit irgendwohin zu kommen. Der ÖPNV ist dort nämlich so gut wie nicht vorhanden)

 

Wie die folgenden Jahre aussahen? 

Wir waren jedes Wochenende unterwegs, oftmals auch unter der Woche. Wir feierten und lachten nächtelang, wir waren ein starker Freundeskreis und hatten eine gute Zeit zusammen. Ich denke gerne an die Zeit zurück und bin dankbar, dass ich so eine schöne, ausgelassene und unbeschwerte Jugend hatte. 

 

Wie die Jahre aber auch aussahen?

Am Anfang der Beziehung war noch alles gut. Dennis verstand sich sehr gut mit meinen Eltern und jüngeren Geschwistern und bald ging er bei uns zuhause ein und aus. Von meinen Eltern bekam er recht schnell auch einen eigenen Haustürschlüssel, so konnte er jederzeit kommen.

Im Lauf der Zeit machte sich aber nach und nach ein Problem bemerkbar: sobald er zu viel Alkohol getrunken hatte (vor allem auch Schnäpse) wurde er aggressiv. Was sich anfangs noch gegen Fremde auf Partys richtete, wandelte sich mit der Zeit auch in Aggression gegen die Freunde. 

So schön es war auf dem Dorf aufzuwachsen gibt es eine Tatsache, die für mich irgendwann belastend wurde. Es gibt immer und überall Alkohol. Sehr viel Alkohol. Nüchtern war eigentlich immer nur derjenige, der an dem Abend der Fahrer war. 

Folglich war auch bei ihm sehr sehr oft Alkohol im Spiel. Je länger wir zusammen waren, umso schlimmer wurden seine Aggressionen. Und irgendwann auch seine Manipulationen. 

 

Um dir einen Einblick zu geben, wie mein Leben damals aussah, möchte ich ein paar konkrete Beispiele erzählen. 

 

  eine Situation die nicht nur einmal, sondern irgendwann regelmässig vorkam, war folgende: 

Die ganze Clique war auf einer Party, es wurde gelacht, gefeiert und getrunken. Irgendwann kam der kritische Punkt an dem Dennis sehr betrunken war und dann reichte ein, in seinen Augen, falsches Wort und er wurde wütend. Beruhigen liess er sich dann kaum noch. Oftmals sind wir dann alle spontan heim gefahren, da die Party für uns gelaufen war. Am nächsten Tag kam er dann meistens und brachte mir eine Rose als Entschuldigung.

 

 eine andere Situation: 

Unser Verein machte über ein verlängertes Wochenende einen Vereinsausflug nach Südtirol. Meine beste Freundin fragte mich, ob wir uns ein Zimmer teilen würden und ich sagte ihr natürlich zu. Als ich Dennis erzählte, dass ich mit ihr in einem Zimmer schlafen würde, schrie er mich an, mit wem er dann bitte im Zimmer schlafen solle und warum seine eigene Freundin nicht mit ihm im Zimmer schlafen wolle. Ob er mir so unwichtig sei und was mir einfiele ihr einfach zuzusagen, ohne das vorher mit ihm zu besprechen. Dass sein bester Freund auch mitging, und er mit ihm ein Zimmer teilen konnte, wollte er nicht hören. Ich blieb damals bei meiner Meinung, dass ich mir mit ihr ein Zimmer teile und musste mir dies aber noch monatelang vorwerfen lassen.

 

 eine weitere Situation: 

Ab dem Zeitpunkt dieses Ausflugs, hat er immer mehr einen Keil zwischen meine Freundin und mich getrieben. In der damaligen Situation war mir dies nicht so bewusst, erst viel später fiel mir auf, wie perfide sein Verhalten war. Für ihn war es plötzlich nicht mehr selbstverständlich, dass sie auch mitkommt, wenn wir am Wochenende weg gingen, im Gegenteil. Anfangs diskutierte ich noch mit ihm, irgendwann ging ich aber diesen Diskussionen aus dem Weg, einfach weil ich Streit mit ihm vermeiden wollte. Also kam sie immer seltener mit und unser Kontakt zueinander wurde immer weniger.

Dass unsere Freundschaft trotzdem bis heute besteht, liegt wohl daran, dass wir uns schon unser ganzes Leben lang kennen, sehr viel zusammen erlebt haben und eine starke Bindung hatten. Auch wenn wir uns selten sehen, zähle ich sie bis heute zu meinen besten Freundinnen und bin dankbar, dass unsere Freundschaft diese Zeit überstanden hat.

 

 eine letzte Situation, die so auch nicht nur ein mal vorkam: 

Ich war inzwischen 18 und hatte meinen Führerschein. Um ein bisschen Kontrolle zu haben, bin ich immer öfter gefahren, wenn wir weg gingen und blieb somit nüchtern. 

Wir waren mit unseren Freunden unterwegs, er trank zu viel und seine Laune kippte wieder mal ins Negative. Da er nicht zu beruhigen war, fuhren wir also nach Hause. Im Auto ließ er seiner Wut weiter freien Lauf und redete sich immer mehr in Rage. Irgendwann hatte ich von einem Freund, der hinter mir saß, eine Hand zur Beruhigung auf der Schulter liegen. Beim Aussteigen vor seinem Haus sagte dieser Freund zu mir, ich könne mich jederzeit nachts bei ihm melden, wenn was ist. Nicht nur ein mal hat er mir nachts noch geschrieben, ob es mir gut geht. 

Was in diesen Nächten meistens geschah: ich wurde beschimpft, beleidigt und gedemütigt. Irgendwann kam es auch zu kleineren Handgreiflichkeiten. Eigentlich habe ich immer nur darauf gehofft, dass er endlich einschläft und ich somit meine Ruhe habe. Wenn ich ihn am nächsten Morgen darauf ansprach, konnte er sich oftmals an nichts erinnern und hatte vom vielen Alkohol einen Filmriss. Jedes Mal, wenn ich ihn darauf ansprach, hatte ich im Laufe des Tages eine Rose in meinem Zimmer zuhause stehen, er hatte ja noch immer den Haustürschlüssel und konnte jederzeit in mein Zimmer. 

Wie viele solcher Situationen es gab? 

unzählige

 

Wie viele Rosen ich damals am folgenden Tag als Entschuldigung bekam? 

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Vielleicht mag ich es aber aufgrund dieses Musters bis heute nicht, wenn mir jemand Rosen schenkt… 

 

Warum ich nicht Schluss gemacht habe? 

Jetzt, viele Jahre später, kann ich nicht mehr verstehen, dass ich nicht viel früher einen Schlussstrich gezogen habe. Es hatte aber mehrere Gründe. Zum einen wusste ich, dass ich an dem Tag an dem ich Schluss machen würde, meinen Freundeskreis verlieren würde. Ich war überzeugt davon, dass alle zu ihm halten würden. Er war nach außen hin immer der gut gelaunte Kumpel, überall kannte man ihn und überall war er beliebt.

Zum anderen hatte ich mich nie wirklich jemandem anvertraut. Niemand wusste also über meine Situation im ganzen Ausmaß Bescheid. Viele sahen zwar, wie er wurde, wenn er zu viel trank aber was war, wenn wir zu zweit waren, wusste niemand. 

Ein weiterer Punkt war Angst. Die Angst davor, dass er sich etwas antut, wenn ich Schluss mache. In den letzten 1,5 Jahren unserer Beziehung hatte ich mehrmals angedeutet, die Beziehung zu beenden und jedes mal meinte er, dass es sich für ihn dann nicht mehr zu leben lohnt. 

 

Wie ich es geschafft habe mich dann doch zu trennen?

Ich zog weg. Ich wusste ich schaffe es nicht mich zu trennen, wenn ich weiterhin bei meinen Eltern und im gleichen Ort wie er wohne. Also ergriff ich, nachdem ich das Abitur gemacht hatte, die Gelegenheit. Ich meldete mich für ein freiwilliges soziales Jahr an, zog in eine Stadt, die ca eine Stunde entfernt war und brachte somit eine räumliche Distanz zwischen uns. Nach mehreren Monaten schaffte ich es dann auch, die Beziehung endgültig zu beenden.

 

Ob ich heute enttäuscht bin dass mir damals von meinen Freunden und Familie niemand geholfen hat?

Nein! Es wusste ja niemand Bescheid, wie es wirklich aussah. Alle haben immer nur kurze Momente mitbekommen. Meine Eltern haben damals nur mitbekommen, dass er öfters Rosen brachte, was genau vorfiel, dass er sich entschuldigen wollte, wussten sie aber nicht. Meine Geschwister waren viel zu jung damals, um die Problematik zu erkennen. Und meine Freunde haben getan, was sie tun konnten. Sie hatten ihn ab und zu darauf angesprochen, dass er weniger trinken soll, vor allem als sich seine Wut auch anfing gegen sie zu richten. Halt gab mir damals, dass sich der vorher erwähnte Freund oftmals nachts bei mir meldete und ich wusste, ich hätte ihm auch jederzeit schreiben können, dass ich Hilfe brauche und er wäre gekommen. 

 

 

Ich hege also keinen Groll gegen meine Familie, Freunde und Menschen aus meinem damaligen Umfeld. Viele Dinge habe ich auch erst Jahre später erkannt. 

Dass ich heute offen darüber reden kann, war allerdings ein langer Weg und ich weiß, wie schwer die Verarbeitung solch einer Beziehung sein kann. 

 

Diese Erfahrung, die ich damals gemacht habe und die Tatsache, dass ich mittlerweile offen darüber reden kann, hat dazu geführt, dass ich heute Menschen helfen möchte, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. 

Ausbildungen die ich bisher absolviert habe:

 

∗ Staatlich anerkannte Erzieherin (15 Jahre Berufserfahrung plus diverse Weiterbildungen zu Personalführung, Kommunikation, gleichwürdige Beziehungen, und einige mehr)

 

∗ Elternbegleiterin

 

∗ Zert. Integralcoach

 

∗ Zert. Human Design Coach